Rot sehen

Seeing red

Die Spannung stieg bei der Sommerausstellung 1832 der Royal Academy of Art. Constable enthüllte sein Meisterwerk „Die Öffnung der Waterloo-Brücke“ mit seinen stimmungsvollen Schatten und den scharlachroten, auf der Themse schaukelnden Lastkähnen, an dessen Entstehung er dreizehn Jahre gearbeitet hatte. Daneben hing Turners kleineres, eher wassergraues Seestück „Helvoetsluys“. Als Turner die Ölbilder nebeneinander hängen sah, marschierte er zu seiner eigenen Leinwand und setzte einen einzigen roten Farbklecks mitten in die rollenden Wellen (später modifizierte er ihn zu einer roten Boje), um den Blick unmissverständlich auf sein Werk zu lenken. Es gelang ihm. Als Constable Turners Improvisation sah, erklärte er: „Er war hier und hat eine Waffe abgefeuert.“

So groß ist die Kraft und Wirkung eines Hauchs von Rot in einem Gemälde oder auch in einer Raumgestaltung. Emma Sims-Hilditch, Gründerin von Neptune, erklärt: „Ich liebe die Wärme, die ein Hauch von Rot ausstrahlen kann – sei es ein Lampenschirm, ein Kissen oder sogar ein rot lackierter Bilderrahmen oder Passepartout. Es dient aber auch als Blickfang: Der Blick wird ganz natürlich von einem Hauch Rot in einer ansonsten eher gedeckten Farbpalette angezogen.“

Die meisten Innenarchitekten sind sich zwar einig, dass neutrale Farbschemata harmonisch, beruhigend und einladend wirken, meinen aber auch, dass solche Räume Tiefe brauchen, um interessant und gemütlich zu wirken. Ein Hauch von warmem Rot in Form einer einzigen Vase, eines Kissens oder sogar eines Streifens auf einem Kissen kann ausreichen, um einen gewöhnlichen Raum in etwas Besonderes zu verwandeln.

Das liegt daran, dass Rot eine „vorrückende Farbe“ ist – sie scheint auf einen zuzukommen. Deshalb erzeugt sie so erfolgreich ein Gefühl von Tiefe, wenn sie im Kontrast zu kühleren, zurückweichenden Farben und neutralen Tönen verwendet wird. „Es könnte so einfach sein wie ein paar rote Buchrücken auf einem Bücherregal“, schlägt Emma vor, die auch das Innenarchitekturbüro Sims Hilditch leitet. „Schon ein Hauch von Rot lässt die anderen Farben stärker hervortreten. Es ist ein bisschen wie roter Lippenstift im Gesicht – es erweckt Dinge zum Leben. Oder in der Natur hat ein Rotkehlchen in einer verschneiten Landschaft denselben fesselnden und schönen Effekt.“

Im Übermaß kann Rot einen Raum erdrückend wirken. Doch laut Emma lässt sich die „Kleckstechnik“ mit Rot in den meisten Räumen des Hauses wirkungsvoll umsetzen – etwa als tiefroter Kaminsims im Wohnzimmer oder als elegantes rotes Bücherregal im Arbeitszimmer. Oder sogar in der Küche: „Ich setze besonders gerne unseren Farbton Burnham Red als Kontrast ein. Streichen Sie doch mal die Barhocker rot vor Küchenschränken in Alpine Blue, Shell oder Shingle.“ Tatsächlich hat Emma diese Technik in ihrem Cottage in Cornwall, das sie mit ihrem Mann und Neptune-Mitbegründer John Sims-Hilditch bewohnt, bereits angewendet – der leuchtend rote Rumpf eines Modellsegelboots sticht in der sanften Farbpalette des Wohnzimmers hervor. Turner wäre begeistert gewesen.

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