Briefe enthalten so viel mehr als das geschriebene Wort, sagt die Autorin und Journalistin India Knight.
E-Mails sind ein täglicher Albtraum. Das Einzige, was ich daran mag, ist, auf „Alles auswählen“ und dann auf „Als gelesen markieren“ zu klicken, nur um sie verschwinden zu lassen. Handgeschriebene Briefe hingegen sind so selten und kostbar, dass ich sie liebevoll in einem Schuhkarton aufbewahre, als wären sie seltene Artefakte. Was sie in gewisser Weise auch sind. Erst neulich dachte ich darüber nach, wie sehr ich mir wünschte, ich hätte die Flut (so schien es mir damals – es waren mindestens zwei pro Woche) an Briefen aufbewahrt, die mir meine Großmutter in meiner späten Kindheit und Jugend schrieb, als ich in England und sie in Belgien lebte. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihre Handschrift vor mir, wie sie unterschrieben hat und die gepressten Blumen, die sie oft beilegte. In der Sorglosigkeit der Jugend habe ich sie alle irgendwann verlegt. Ich würde alles dafür geben, sie noch einmal zu lesen.
Wo E-Mails wie endlose kleine Eingriffe in die Privatsphäre wirken, sind Briefe wie Geschenke. Sie sind gemütlich und werden am Küchentisch bei einer Tasse Tee geöffnet. Man verspürt einen Freudenschub, wenn man die Post durchsieht und zwischen den Rundschreiben und unaufgeforderten Katalogen einen handadressierten Umschlag findet, dessen Schrift man als den eines Freundes erkennt. Handgeschriebene Briefe haben Gewicht, d. h. die Worte, die sie enthalten, sind gewichtiger und einprägsamer als alles, was man auf der Tastatur getippt hat. Die Mühe, sich zum Schreiben hinzusetzen, einen Umschlag, eine Briefmarke und einen Briefkasten zu finden, ist bereits bedeutungsvoll und großzügig, und das noch bevor man überhaupt zu den Worten kommt. Es ist kein Zufall, dass die Tradition der Valentinskarten fortbesteht. Briefe oder Karten sind eine aufmerksame und wohlüberlegte Geste, das sorgfältige Aufschreiben von Worten. Sie haben unmittelbares Gewicht und Intimität und bleiben überdauert. Jeder, der schon einmal bei „Letters Live“ dabei war, den lebensbejahenden Veranstaltungen, bei denen bekannte Persönlichkeiten bemerkenswerte alte Briefe vorlesen, weiß, wie eindringlich diese sein können. Sie berühren einen mitten im Herzen, über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hinweg.
Doch ein Brief muss nicht großartig sein, um Bedeutung zu haben. Man muss kein Lyriker sein, um jemandem eine Freude zu machen. Ein schönes Briefpapier, der Anblick (so seltsam intim im Zeitalter der Tastaturen) einer Handschrift – das sind schon Freuden für sich. Und dann ist da noch das ganz andere Vergnügen, eine Antwort zu senden oder darauf zu warten. Sofortnachrichten sind entbehrlich, flüchtig und bleiben nicht in Erinnerung. Briefe hingegen bleiben.
India Knight schreibt Kolumnen für die Sunday Times und The Sunday Times Style. Zu ihren Büchern gehören „Darling“ und „My Life on a Plate“. Sie lebt mit ihrer Familie und ihren Hunden in Suffolk.
